Literaturtipp – Die Wand

Es heißt „Schuster bleib bei deinen Leisten“, weshalb Sie hier auch einen psychologischen Blog von einem Psychologen lesen und keinen Modeblog von einem Psychologen, der Mode mag und mitbloggen will, ohne sich dafür qualifiziert zu haben. Ich habe auch keine Literaturwissenschaften studiert und setze mich nun dennoch über mein Credo hinweg und gebe einen Literaturtipp der weniger fachlicher denn begeisterter Natur ist.

„Die Wand“ von Marlen Haushofer hat mich persönlich und auch beruflich beeindruckt. In dem bereits 1963 erschienen und seither hochgelobten und viel rezipierten Roman schildert Haushofer die Erlebnisse einer Frau, die sich während eines Wochendtripps plötzlich eingeschlossen von einer unüberwindbaren, unsichtbaren Wand wiederfindet. Unaufgeregt, aufrichtig und zugleich hochdramatisch schildert die Ich-Erzählerin was sie fühlt und nicht fühlen will, was sie tut um zu überleben und wie sie über ihr altes Leben denkt. Eine Robinsonade, die als glühende Zivilisationskritik gedeutet werden kann. Für mich gerade beruflich von besonderem Wert sind jedoch Haushofers äußerst detailliert geschilderte Gedankengänge der Protagonistin, in denen sie ihren Umgang mit der völligen ungewissen Situation und den damit verbundenen Herausforderungen schildert. Schonungslos ehrlich, verzweifelt und dennoch äußerst konstruktiv. Die namentlich nie benannte Hauptfigur schafft es, wichtige Grundsätze psychotherapeutischer Arbeit aus sich heraus anzuwenden, um sich zu retten und es gelingt ihr. So glaubt sie an die Kraft positiver Gedanken, lebt bewusst im hier und jetzt und nicht in der eh ungewissen Zukunft und haushaltet bewusst mit ihren lebenswichtigen Kräften.

„Die Wand“ ist kein Ratgeber, kein Depressionsbuch und erhebt auch an keiner Stelle diesen Anspruch. Es handelt sich um einen wichtigen Roman deutschsprachiger Literatur, der ob seiner präzisen Beobachtungen und ehrlicher Darstellung von Dramatik aufzeigt, dass auch schwere Bürden gemeistert werden können. Der Ausgang ist offen, vielleicht ungewiss und dennoch zeigt Haushofer dem Leser, dass in jeder Situation eine gewisse Schönheit innewohnen kann, die man erst einmal entdecken lernen muss. Doch macht man sich auf, eigeninitiativ zu lernen, wartet die Schönheit und der Funke Hoffnung überall auf uns: am Wegesrand, im Blick eines Tieres, oder im Wind der durch das Gras fließt.

Fazit: kurzes, sehr dichtes Werk, das gelesen werden möchte 🙂

Anleitung zum Unglücklichsein

Der erste Literaturtipp. Wunderbar. Und was soll ich sagen…ich gehe auf Nummer sicher 🙂 Na na na… weg mit diesem Pessimismus. Ich gehe nicht auf Nummer sicher, ich empfehle schlicht einen großartigen Klassiker. Ein Standardwek(chen), dass sich seine Berechtigung auf literarischem Parkett erarbeitet hat und daher unbedngt erwähnt werden sollte.  Paul Watzlawicks “Anleitung zum Unglücklichsein”. Erstmals 1983 veröffentlich und seither immer wieder in Neuauflagen im Handel zu finden, begeistert dieses Buch seine Leserschaft. In kurzen Erzählungen gibt der Autor in bemerkenswerter Konsequenz einen exzellent launischen EInblick in das menschliche Talent “es sich schwer zu machen”. Watzlawick schont seinen Leser nicht und gerade hierin liegt der Charme der Geschichten: Es wird ohne Umschweife aufgedeckt was bei uns allen ab und an nicht rund läuft, ohne wirklich den Zeigefinger zu erheben oder dem Leser Unwohlsein zu verursachen.

Ich habe immer wieder ein bisschen in “Anleitung zum Unglücklichsein” gelesen und immer wieder entdeckt, dass Watzlawick Phänomene der Psychologie humorvoll und in schöner Sprache verpackt. Man lernt, ohne sich belehrt zu fühlen und lacht dabei noch. Was will man mehr? 🙂

Viel Spaß beim Lesen!

Dieser Post bezieht sich auf folgende Ausgabe:

Watzlawick, P. (1983; 2008; 7. Auflage). Anleitung zum Unglücklichsein. Münschen: Pieper.